14.11.06

Stand Thea von Harbou dem Nazi-Regime wirklich so nahe?

Zweifelsohne war Thea von Harbou (1888 – 1954) eine der besten und auch bestbezahltesten Drehbuchautorinnen in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie schrieb mit Das Indische Grabmal und Metropolis deutsche Filmgeschichte. Ihre Leistung wurde aber nach dem 2. Weltkrieg bis heute immer wieder geschmälert, in dem man ihr vorwarf, sich zu eng mit dem faschistischen Regime liiert zu haben. Dafür zwei Anschuldigungen aus jüngerer Zeit als Beispiel: „Ebenso erregte Aufsehen, dass die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Thea von Harbou, seit 1922 Frau des Halbjuden Fritz Lang, sich 1933 der NS-Propaganda an den Hals wirft und sich scheiden lässt.“ (Hitlers Deutsche von Hans-Jürgen Eitner, Katz Verlag 1991, Seite 114) oder
„Langs damalige Ehefrau Thea von Harbou hatte den Film in einem eklektischen Stil geschrieben, und ihre eigene Philosophie, die sie bald in die Arme der Nazis treiben sollte, wurde von Lang bebildert.“ (Das Blättchen Ausgabe 16/2003 von F.B. Babel, Artikel Metropolis 2003)
Ähnliche Einschätzungen gibt es auch von anderen Schriftstellern, Journalisten, Historikern oder Kulturwissenschaftlern, aber mir ist aufgefallen, dass fast alles nur pauschale Behauptungen ohne weitere Begründungen dieser Kritiker sind, die meisten von ihnen scheinen von einer mir nicht bekannten Quelle abgeschrieben zu haben.
Es ist deshalb mein Anliegen, zu einer, meiner Meinung nach längst fälligen Ehrenrettung der Thea von Harbou beizutragen, zumindest mit den Beweisen, die mir bis jetzt zur Verfügung stehen. Gern lasse ich mich vom Gegenteil überzeugen, wenn man mir entsprechende Beweise in Schrift- oder Bildform vorlegt.
Thea von Harbou war sicher deutschnational eingestellt, das zeigen besonders ihre frühen Romane und Novellen aus der Zeit des 1. Weltkrieges, aber sie deshalb in eine Reihe mit den deutschen Faschisten zu stellen, wäre zu weit gegriffen. Mir sind kein Drehbuch, keine Veröffentlichung und keine Erklärung der Thea von Harbou in der Zeit von 1933 – 1945 bekannt, die eine besondere Nähe zum Nazi-Regime dokumentieren würden.
Ihre negative politische Beurteilung begann offensichtlich mit der Tatsache, dass sie ihrem Ehemann Fritz Lang nicht in die Emigration nach Amerika begleitete sondern in Deutschland blieb und sich scheiden ließ. Er, der deutsche Halbjude, wurde damit automatisch zum Antifaschisten und sie in eine gegenteilige Position hinein gedrängt. Auch sind mir nur wenige, geradezu simple Anschuldigungen bekannt, die Frau von Harbou zur angeblichen Anhängerin der Nazis abstempeln. So soll sie in ihrem Arbeitszimmer ein Bild von Hitler gehabt haben, wer hatte das in dieser Zeit nicht?, dazu aber eben auch ein Bild von Gandhi; sie soll bereits 1932 in die NSDAP eingetreten sein, was aber nicht stimmt. Sie wurde erst 1941 Mitglied, und das offensichtlich nur, um den von ihr betreuten indischen Studenten besser oder überhaupt nur helfen zu können.
Kaum einer ihrer Kritiker kennt ihren Einsatz für die während des 2. Weltkrieges in Berlin lebenden und studierenden Inder und würdigt ihr politisches, gesellschaftliches und finanzielles Engagement für sie.
Durch Befragung einer ihrer Sekretärinnen aus der Zeit des Krieges bin ich zu einem weitaus positiverem politischen Bild der Thea von Harbou gekommen. Michaela Purzner aus Wien hatte 1940 ihren indischen Freund P.B. Sarma nach Berlin begleitet, als er von Thea von Harbou ein Stipendium für eine Aspirantur vermittelt bekam, weil nach Ausbruch des Krieges alle Finanzierungsmöglichkeiten für eine Fortsetzung seines Chemie-Studiums abgebrochen waren. Fräulein Purzner, spätere Frau Sarma, widersprach persönlich vehement allen Kritiken und Kritikern an Frau von Harbou. Sie sagte mir, dass Thea von Harbou nie und nimmer eine Anhängerin des Faschismus gewesen sei und gibt dafür mehrere Gründe und Beispiele an. So soll Thea von Harbou einer früheren jüdischen Sekretärin sowie dem jüdischen Schauspieler Alfred Abel zur Ausreise aus Deutschland verholfen haben. Auch hätte sie in bestimmter Form gegen die Rassengesetze der Nazis verstoßen, als sie sich Mitte der 30er Jahre einen indischen Freund und Liebhaber zulegte. Dieser A.G. Tendulkar verließ 1938 nach Abschluss seiner Dissertation Deutschland, nicht ohne ihr die Fürsorge für die hier verbleibenden indischen Studenten ans Herz zu legen. Eigentlich wollte Thea von Harbou ihrem wesentlich jüngeren Freund später nach Indien folgen, aber die weltpolitischen Ereignisse verhinderten dies.
Thea von Harbou hat in der Zeit von 1939 bis 1945 wahrscheinlich mehr als eine Million Reichsmark für die ihr so am Herzen liegenden Inder in Berlin und Deutschland ausgegeben. Sie vermittelte und bezahlte Stipendien, Unterkünfte, Kleidung und Verpflegung für die ca. 40 bis 50 Inder, die nach Ausbruch des Krieges Deutschland nicht mehr verlassen konnten und von heimatlicher Unterstützung abgeschnitten waren. Wer weiß, was sonst aus diesen durch die Umstände gestrandeten Indern im faschistischen und rassistischen Deutschland geworden wäre. Diese Unterstützung brachte sie auch in unmittelbare Nähe zu den indischen Freiheitskämpfern um Subhas Chandra Bose. Das war auch der Grund, weshalb sie nach Beendigung des Krieges ein Jahr lang von den Briten interniert wurde, nicht wegen irgendwelcher Nähe zum Nazi-Regime.
Frau Sarma berichtete mir noch von einem Ereignis, das bestimmt auch einen Abstand von Frau von Harbou zum Regime dokumentiert. Demnach wollte sie am 22. Juni 1941 das Pokalspiel im Fußball zwischen Schalke 04 und Rapid Wien ansehen und sie hatte auch die begehrte Eintrittskarte dafür. Als aber am Morgen dieses Tages die Nachricht vom Einmarsch in die UdSSR ausgestrahlt wurde, sagte sie leise zu ihren Mitarbeitern:“ Jetzt haben wir den Krieg verloren!“ und sie war nicht mehr in der Stimmung, sich das Spiel anzusehen.
Diese hier von mir angeführten Beispiele erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie möchten aber zu einer Diskussion über diese sicher große Künstlerin und eine ihr zustehende gesellschaftliche und politische Einordnung beitragen. Unterstützende oder gegenteilige Meinungen und Beiträge zu diesem Thema sind gefragt und willkommen.