8.3.07

Backfischgedichte

Am 27. Dezember 1902 – an ihrem dreizehnten Geburtstag – fand Thea von Harbou ein kleines Buch auf ihrem Gabentisch (so schreibt sie in einem Brief an einen Literaturkritiker): Ein Geschenk von ihren Freunden, die ihre bisher nur im privaten Kreis verbreiteten Gedichte sammelten und bei einem lokalen Verlag drucken ließen. Dabei darf davon ausgegangen werden, daß dies nicht ohne die tätige Mithilfe der engagierten Mutter Clotilde von Harbou vonstatten ging. Ein gewisser (Dresdener) Redakteur Hermann Schnauss steuerte zudem ein Vorwort bei, das die lyrischen Werke den – nicht dem privaten Umkreis zuzurechnenden – Rezipienten als Kinder- und Backfischgedichte zu erkennen gab.

Von dieser zweiundfünfzig Gedichte umfassenden Anthologie sind heute unseres Wissens nur noch zwei Exemplare vorhanden: Das vorliegende ist von Thea von Harbou mit einigen Widmungszeilen versehen und gehörte ihrem älterem Bruder Horst von Harbou, der mit seiner Schwester (er wirkte als Standphotograph) auch beim Film zusammenarbeite. Das Werk befindet sich heute in Familienbesitz.

Daß der Band schon früh vergriffen war, liegt übrigens an Thea von Harbou selbst: Sie zog nämlich die „Kindergedichte“ (Thea von Harbou) vom Markt zurück, weil sie „diese gesammelten Jugendsünden“, die sie im Alter von elf bis vierzehn Jahren schrieb, nicht zu ihrem Werk gezählt wissen wollte. Offiziell begann Harbous Karriere als Literatin also mit dem 1905 in der Deutschen Roman-Zeitung abgedruckten Roman Wenn’s Morgen wird. Ganz gegen ihre eigene Intention also finden Sie hier eine Kostprobe der Dichtkunst des Backfisches. Ausführlich besprochen wird der Gedichtband in meiner im April 2009 erscheinenden Dissertation Der Krieg und die Frau.